Texte (Prosa)

 

1,4 Sekunden 

Dass Gudrun versuchte die pralle Badetasche ins viel zu kleine Schließfach zu pressen war absurd. Manfreds Augenmaß war unübertroffen. Bemüht, seine Gespanntheit zu verbergen, wartete er, das Handtuch hing ihm locker über der linken Schulter. Wie oft er, damals in der Schlosserei, einen Zollstock gebraucht hatte, um zu prüfen, ob irgendwo ein paar Millimeter fehlten, ließ sich an fünf Fingern abzählen. Die jungen  Kollegen hatten ihn zwar gefürchtet, da er jeden ihrer Fehler korrigierte, noch bevor er geschehen konnte. Dennoch hatten sie in ihrer Abschiedsrede respektvoll anerkannt, er sei trotz seines Alters eher Adler als Blindschleiche. Aber Gudrun . . . Mit all ihrer Kraft drückte und schob sie.

Ebenso absurd war Manfreds Vorstellung, sie hätte ihre gemeinsamen Jahre in die Tasche gestopft, um sie ausgerechnet hier zurückzulassen. Trotzdem drängte sich die Vorstellung hartnäckig auf.

Heute würde er zu allem schweigen. Den Entschluss, seines dazuzutun, um den selten heiteren Ausdruck, der am Morgen unerwartbar auf Gudruns Gesicht aufgetaucht war, wieder hervorzulocken, hatte er nun mal gefasst. Er würde sich daran halten, auf ihn war Verlass. Auch wenn Gudrun ihre Brauen jetzt angestrengt zusammenkniff, ihre hängenden Mundwinkel die Falten vertieften, das vervöse Zucken ihre Lider zurückerobert zu haben schien.

Sogleich bereute er, die Hände aneinanderzureiben, auf Gudrun musste es wirken, als wolle er eingreifen. Auf ihrer Stirn hatte sich ein schimmernder Schweißfilm gebildet. Manfred entfernte sich drei, vier Schritte und sah den Leuten nach, die  spielend einfach ihre Beutel, Luftmatratzen und Picknickkörbe an ihm vorbeitrugen.

Er knotete das Badetuch um seine Hüften, so fühlte er sich geschützt. „Deine alte Badehose ist nun wirklich zu knapp“, hatte Gudrun vorhin vor den Umkleidekabinen gesagt, als sie ihm neue grün-weiß gemusterte Badeshorts reichte. Das unangenehm vertraute Kratzen in seinem Hals hatte sich zunächst noch mühelos verleugnen lassen. „Heutzutage tragen Männer wieder mehr Stoff“, hatte Gudrun behauptet und, nach kurzem Zögern, „um ihr bestes Stück“ hinzugefügt. Mehr noch als der dümmliche Nachsatz erschreckte ihn dann aber ihr ungeschicktes, beinahe obszönes Zwinkern. Gudrun hatte die Unterlippe eingesogen und war rot geworden. Da war er froh gewesen, die Tür zur Kabine zwischen sie beide schieben zu können. 

Bis in die Sanitärräume kroch die Julihitze. Manfred wischte sich mit dem Unterarm übers Gesicht. Dabei spürte er wie seine Kiefer aufeinandermalmten. Die Tasche würde sich nicht zwingen lassen. Auch das Schütteln seines Kopfes geschah wie ohne ihn, obwohl er sich hatte beherrschen wollen. Damit Gudrun es nicht auf sich beziehen konnte, kehrte er ihr den Rücken zu.

Ein kleiner schwarzhaariger Junge sprang durch Pfützen auf den gelben Fliesen. Selbstvergessen patschte er mit den Füßen in der Lache, glitschte wie auf Eis, flatterte mit den  Ärmchen, als könnten ihn die Schwimmflügel daran forttragen. Manfred hätte dem Kind gern über den Kopf gestreichelt.

Entschlossen, seiner Frau nun doch zur Hand zu gehen, ihr törichtes Tun zu beenden, wendete er sich ihr zu. Den üppigen Hintern von sich gestreckt, gekrümmt stand Gudrun da. Er sah sich beschämt um. Jetzt holte sie die Tasche heraus. Mit ihren kleinen Händen presste sie die Seiten zusammen, die sich sofort wieder aufblähten. Nein, er streckte den Rücken durch, es war an der Zeit Geduld zu üben. Manfred löste das Badetuch, warf es sich um die Schultern, rieb über sein Brusthaar und drehte sich nach dem Kind um. Der Junge war fortgeflogen.

Sie machen lassen würde er und weiter hoffen, ihr zerbrechliches Lächeln am Frühstückstisch, mit dem sie gesagt hatte: „Ich habe eine Überraschung für uns“, möge zurückkehren. Lediglich ihre Stimme hatte unpassend streng geklungen, als müsste sie allzu Leichtes festbinden, damit es nicht gleich zum geöffneten Fenster hinausgeweht werden könnte. 

„Die kleinen Handtücher nehme ich besser auch mit“, sagte sie jetzt. „Bin gleich soweit.“ Drei Handtücher, den Beutel mit Duschgel, Shampoo, Cremetuben und wer weiß was noch kramte sie heraus.  Wozu sie all dies brauchte, war ihm  unbegreiflich.  Seit er sie kannte, wollte sie auf alle Eventualitäten vorbereitet sein. Gleichwohl, musste er zugeben, hatte sie stets gut für ihn gesorgt.

 

Im milchigen Glas der Schwingtür zum Freigelände spiegelte sich eine dickliche Altmännergestalt mit dünnen weißen Beinen. Es brauchte einen Moment, bis Manfred sich selbst erkannte, zu fremd waren ihm die albernen Shorts. Gudrun musste Ähnliches gedacht haben, warum sonst stieß sie die Tür so abrupt auf? Es hatte Zeiten gegeben, da die Vermutung, sie dächten das Gleiche, sie verband. Irgendwann hatte er angefangen, sich davor zu fürchten. Die Frage, ob sie beide jemals die gewesen waren, für die sie sich hatten halten wollen, beschäftigte ihn schon lange.

Beim Hinaustreten musste er seine Hand vors Gesicht halten, das weiße Licht des Nachmittags überraschte ihn. Dicht an dicht lagen die Leute auf Decken und Liegestühlen. Gudrun wiegte ihren Kopf, „macht nichts, wir bleiben nur kurz.“ Sie schritt energisch auf eine Bank zu, auf der ein Paar in ihrem Alter saß. Beide trugen Schirmmützen und Sonnenbrillen, gebräunt, als hätten sie ihr Leben auf dieser Bank verbracht, in der Sonne, in der Wärme. „Dürfen sich unsere Handtücher zu Ihren gesellen?“, fragte Gudrun. Der Mann hob seine Brille auf die Stirn, nickte und rutschte an seine Begleiterin heran. Die Kulturtasche stellte Gudrun neben die Bank auf den Boden, die Handtücher legten sie beide schmal gefaltet über die Lehne. Sie nahmen dem Paar kaum etwas an Platz.

Wäre Manfred darauf gefasst gewesen, er hätte verhindert, dass Gudrun nach seiner Hand griff. So musste es aussehen, als zerre sie einen widerwilligen Hund mit sich ins Fußbecken. Gudrun drückte den Knopf an der Dusche und eiskaltes Wasser schoss aus der Brause. Ungeniert prustend, ja, fast schamlos hüpfte sie darunter herum, wusch sich ihr Gesicht, klopfte auf Armen und Beinen, beugte und schüttelte sich, so dass alles an ihrem runden weichen Körper vibrierte. Sie lachte wie ein altgewordenes Mädchen, warf ihm eine Handvoll Wasser entgegen: „Jetzt du.“ Weshalb sie sich so aufführen musste, so kindisch, war Manfred rätselhaft. Während Gudrun mit ihren Schultern kreiste wie ein Sportler und ihn beobachtete, fing er das Wasser in den Handflächen auf und ließ es über seine Arme rieseln. Schon immer war ihm unbehaglich zumute gewesen, wenn sie ihm bei alltäglichen Verrichtungen zusah, wenn er sich wusch oder rasierte, sich im Spiegel betrachtete, erst recht wenn sie, damals, miteinander schliefen, Gudrun auf ihm saß und ihn im Auf und Ab unbewegt anschaute.  Absonderlich war er sich vorgekommen. Der Gedanke, sie würde finden, würde bloßlegen, was er zu verbergen suchte oder schlimmer, ihm selbst verborgen blieb, hatte ihn gelähmt.

Alles nur Einbildung, auch wenn er glaubte, auf ihn richte sich jedermanns Interesse hier im Schwimmbad. „Warmduscher“, neckte Gudrun, lachte schrill und spritzte mit ihrem Fuß Wasser auf ihn zu. Manfred nickte langsam, grinste, hielt den Atem an, stellte sich unter den kalten Wasserstrahl, drehte sich dreimal um die eigene Achse. Den Schrei unterdrückte er.

Um Aufmerksamkeit zu vermeiden, fügte er sich, trottete, seine Hand schlaff in der ihren, am Rand des Schwimmerbeckens neben seiner Frau her. Denn, natürlich wusste Manfred, die Augen des Sonnenpaares folgten ihnen, hatten die ganze Zeit über auf Gudrun und ihm geklebt und natürlich war seine Anspannung, als würde er zum Schafott geführt, völlig übertrieben. Warum stellte er sich so an? Immerhin gelang ihm, sich  auf das Sirren der vielen  Stimmen, das Schwappen des Wassers, das schnarrrende Rumpeln, wenn ein Turmspringer auf dem Sprungbrett hochfederte, zu konzentrieren, auf das typische  Schwimmbadgrundsummen, aus dem spitz fröhliche Kinderschreie herausstachen. Es roch, wie es auch früher gerochen hatte, nach Chlor. Nach Sonnenöl. Nach Gras.

Vor dem Sprungturm blieb Gudrun mit einem Lächeln stehen und ohne recht zu wissen warum war Manfred überzeugt: jetzt wird es bleiben. Zart berührte er mit dem Finger ihr Grübchen in der Wange. Sie deutete mit dem Kopf zur Leiter. Zehn Sprossen ragten vor ihnen auf, bis ganz nach oben waren es vier Leitern. Hinter ihnen drängten einige Jugendliche, auf deren schönen Körpern die Wasserperlen glitzerten, als erfüllten sie hier ihre Aufgabe. Gudrun ließ sie vor, „sind ja doch schneller“, stupste Manfred mit dem Ellenbogen in die Seite. Dann umfasste sie fest das Leitergeländer und stieg vor ihm hinauf. Auf der ersten Plattform fragte sie schelmisch: „Na, wie findest du‘s?“ Was er davon halten sollte, dass sie, zwei alte Leute, beinahe siebzig, rüstig, ja, aber eben alt, in einem übervollen Freibad auf einen Sprungturm kletterten, er wusste es nicht.

Unter ihnen reihten sich Kinder vor dem Einmeterbrett. Eines nach dem anderen rannte auf das Ende des Brettes zu und sprang kreischend ab. Im Sprung zappelten sie rührend, so dass Manfred wünschte, sie mögen in der Luft hängen bleiben, andere wippten unentschlossen oder wanden sich sträubend ins Wasser. 

Gudrun winkte ihn heran. „Komm schon.“ Noch ehe er sie erreicht hatte, war sie weiter hinaufgestiegen. Ein Mann, der die gegenüberüberliegende Leiter zur Fünfmeterplattform genommen hatte, stürzte sich mit vorgereckter Brust hinab, beschrieb dann im Flug einen Bogen und tauchte mit gestreckten Armen voran ins Becken. Die Wasseroberfläche schien sich gutwillig zu öffnen. „Nun komm schon“, rief Gudrun. Ganz hoch hinauf wollte sie also.  Manfred nickte. Heinrich Heidersbergers Schwimmbadfoto in schwarz-weiß kam ihm in den Sinn, auf dem die jungen Beine zweier Sitzender von der Zehnmeterplattform in den Wolken baumeln, ein gedehnter Himmel vor ihnen, das Wasser unten wellig.

Jede Leiter ging Gudrun leichtfüßiger an und oben wartete sie schon an der seitlichen Brüstung. Manfred stellte sich neben sie. Unten am Beckenrand glaubte er den Jungen mit den Schwimmflügeln zu erkennen, das Gesicht zu ihm hinaufgereckt.

Als sie beide Hand in Hand an der Absprungkante standen, zitterten seine Knie. „Die Zeit vom Absprung bis zum Eintauchen ins Wasser ist lang genug für einen Anfang“, sagte Gudrun. Manfred hörte es kaum, er nahm sie schon mit sich.

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Nummer 31 

Die Sonne briet den Teer. Über die schwarze, klebrige Schicht rollte eine Walze, das Kopfsteinpflaster verschwand mehr und mehr darunter. Bald würde man auf der Fahrbahn Rollschuhlaufen können. Der Teergestank biss sich in meinen Kopf, in meine Augen, hielt mich trotzdem nicht von dem einen Schritt ab, hinauf zum Balancieren auf der Umfriedungsmauer vor dem Wohnblock, mit vergewisserndem Blick zur heruntergelassenen Jalousie, links, Nummer 31, am Ende den Schlusssprung einer Seiltänzerin im glitzernden Anzug. Beim Landen polterten die Bücher im Ranzen, die Stifte klapperten. Ich flitzte um die Hausecke, vorbei an der Fensterfront mit der gespiegelten Platane darin, stemmte mich gegen die Haustür, die Kühle des Rosettenknaufs an der Wange.  

Das Kartoffelbreital empfing die sämige Soße aus der Kelle, „komm Herr Jesus, sei unser Gast und segne,  was du uns bescheret hast, Amen“, die sich einen Kanal bahnte zu den Schlüsselblumen am Tellerrand. „Wenn sie nur endlich mit der Straße fertig werden. Das ist ja nicht auszuhalten. Tag für Tag dieser Krach. Nicht einmal das Fenster kann man aufmachen. Nur Dreck, überall Dreck.“ Mutter schürzte die Lippen, ihr Mund kräuselte sich über ihrer Gabel mit dem Kartoffelbreihäuflein. Sie zog die blanke Gabel heraus, kaute, schluckte, fragte: „Wer ist heute dran mit abwaschen?“ „Ingrid!“ „Nö, ich war gestern“, protestierte ich. „Nur, weil du mit Bernd getauscht hast. N’ Gedächtnis wie’n Sieb, wenn’s grade passt, hä?“ Ja, den Tausch hatte ich vergessen, mein Bruder vergaß nichts.

Schaum schwamm auf dem Wasser. Etwas davon schöpfte ich ab, verteilte das Weiß auf meinem Handrücken, schöpfte mehr davon aus dem Spülbecken, tüpfelte ihn auf meinen Arm bis zum hochgekrempelten Ärmelsaum der Bluse, verstrich ihn genau so, wie die schöne Dame in der Reklame für Fichtennadelbadezusatz sich weißen Schaum über ihr aus der Badewanne gestrecktes Bein strich. Beide Hände legte ich auf die Oberfläche des Abwaschwassers, drückte die Handflächen langsam nach unten. Weich schob sich das Wasser durch meine gespreizten Finger, bis ich am Boden auf die Soßenkelle stieß.

Ich sah sie nicht. Ich ahnte ihre Silhouette mit wirrem Haar, erfand sie womöglich nur, weil ich sie

dort, zu jeder Tageszeit zwar, insbesondere aber am Abend hinter den zugezogenen Gardinen

vermutete, die zu den heruntergelassenen Jalousien linkes Parterre gehörten. Die Fenster standen

im rechten Winkel zueinander, unser Küchenfenster über dem Spülbecken und ihr erblindetes

Fenster, das niemals geöffnet wurde. Zu zweit lebten sie in der Wohnung, sagte man,

wahrscheinlich Mutter und Tochter, sagte man, und die hinter der Gardine Vermutete musste die

Ältere sein. Wirklich gesehen hatte ich nur die Jüngere ein paar Mal, eine Erscheinung, kaum Frau,

kaum Mensch, umgeben von Tauben, ihren Tauben behaupteten wir. Mir schien, sie spräche in einer

fremden Sprache mit einer Stimme aus dünnen Fäden, die sie mit den Vögeln verbanden. Die Tauben

flatterten um sie herum, hielten dennoch einen gewissen Abstand. Nichts und niemand, glaubte ich,

konnte ihr nahe kommen. Alle in unserer Gegend nannten sie Steineule. Bis heute weiß ich nicht,

woher sie diesen Namen bekam, der nicht zu ihr passte. Es gehörten ihr doch Tauben und ihr

Gesicht ähnelte dem einer Maus. Schnell zog ich meinen Kopf zurück, schwenkte das Geschirr

flüchtig durchs Wasser, stapelte es irgendwie auf dem hölzernen Abtropfgestell, um fort zu kommen

vom Fenster. Sie spielten oft Klavier hinter ihrer Gardine.

Der Bäcker, bei dem ich das Brot kaufen musste, lag nur ein paar Straßen entfernt, ich beeilte mich selten, hatte mir auf dem Weg viel zu erzählen. Das duftende Brot unter dem Arm, kämpfte ich mit dem Wunsch, ein Loch in die Kruste zu bohren, gegen die Furcht vor Mutters Gezeter, das mich bei meiner Rückkehr erwarten würde. Meistens gewann ich diesen Kampf, pulte den noch warmen Teig heraus, drehte kleine Brotkugeln, die ich mir in den Mund stopfte. Später, auf  halber Strecke nach Haus, fühlte ich mich als Verliererin, wenn ich den Krater betrachtete, zog das Einwickelpapier über die hässliche Stelle, wendete das Brot, damit das unangetastete Ende vorn sichtbar war. Ich stieg auf den schmalen Randstein, der die Beete mit den Knallerbsbüschen vom Gehsteig trennte, tänzelte, hopste, versuchte eine Drehung. Die Seiltänzerin, die mit dem den Brotlaib plünderndem Mädchen nichts mehr gemein hatte. Die Melodie in meinem vollen Mund verzerrte sich dabei. Die Töne gerieten ebenso oft ins Schwanken wie ich selbst um mein Gleichgewicht rang.

Ohne ihre Tauben stand eines Tages die Steineule vor mir, nur eine Armlänge entfernt. Sie stand da, schaute an mir vorbei auf etwas, das sich hinter mir befinden musste, in den Büschen oder den Fenstern der Wohnhäuser, sagte: „Ach, du“, und meinte wohl mich. Vielleicht hatte die Walze die Vögel vertrieben, dachte ich noch, verschluckte mich, unterdrückte ein Husten, verlor einen Bissen aus dem Mund, presste das Brot unter den Arm, wusste nicht, ob ich weitergehen oder stehen bleiben sollte. Sie trug wollene Strumpfhosen, staubweiß, keinen Rock darüber, nur eine Art Strickjacke, dunkel, die knapp über die mageren Oberschenkel reichte, bauschige Hauspantinen an den Füßen. Das graubraune, fettige Haar lag ihr eng am Kopf, ein Kamm hatte Rillen darin gezogen. Wir rührten uns nicht, standen uns bloß gegenüber. Vor ihrem Bauch kneteten sich ihre Finger. Ich schluckte was noch in meinem Mund war hinunter, klammerte mich ans Brot. Ihre Finger umwanden einander, als würden sie nicht zu der wie leblosen Gestalt gehören, kämpften, rieben, kratzten sich in schnellen, harten Bewegungen, so dass die Haut sich rötete. Unerwartet streichelte die eine Hand die andere. Waren das die Hände, die Klavier spielten, oder spielte die andere, die ich niemals sah? Mit der Fußspitze tastete ich nach festem Boden, ließ mich Zentimeter für Zentimeter vom Randstein herunter, drohte den Halt zu verlieren, wollte nicht fallen, nur nicht vor ihre Füße fallen, mich auffangen lassen müssen von diesen eigenwilligen Händen. Ich brannte, erstickte, verkroch mich vor dem Mausgesicht und den sich windenden Wurmfingern in ein leeres Lächeln.  Als könne der einen Sturz verhindern, hielt ich mich an dem Brotlaib fest. Das Papier verrutschte und riss. Ich wagte nicht, es zurecht zu rücken, gelangte jedoch sicher auf den Gehweg. Hätte ich etwas sagen sollen? Ich vermied jeden Laut. Die Steineule sah ausdruckslos über mich hinweg, nur ihre Finger teilten sich mit. Plötzlich hüpfte eine Amsel unter einem Busch hervor, raschelte mitten in unser seltsames Stillleben. Wir wandten uns beide dem Vogel zu, dann rannte ich los, versetzte die Amsel in Schrecken, die gleichzeitig mit mir floh, sie in eine Linde, vom Blick der Steineule verfolgt, ich die Straße hinunter. Niemandem erzählte ich von dieser Begegnung.

Mit weit vom Spülbecken gestreckten Armen erledigte ich an einem der nächsten Abende den Abwasch, wollte nicht am Fenster gesehen werden, spähte doch ab und zu zur geschlossenen Gardine. Kein Schatten, nicht das leichteste Regen konnte ich ausmachen, wagte auch nicht, länger als ein paar Sekunden lang hin zu gucken und wurde doch nur vom Vorhang abgewiesen. Ich ließ trübe Rinnsale aus meiner Hand ins Becken fließen, schlug mit den Fingern ein paar Wellen, die leise klatschten und wurde erst allmählich des Klaviers gewahr, das schon eine ganze Weile gespielt haben musste, stümperhaft, als suche jemand aus verstreuten Tönen, um sie zu einer Melodie zusammenzuzwingen. Sie wollten sich nicht fügen, nicht einmal für mein kindliches Gehör. Ich erinnere mich an meine Verwunderung über die wackligen Klänge, so unähnlich denen, die sonst herüber klangen, als zerre man jeden Ton in eine andere Richtung, unterbrochen von ungeschickten Pausen. Nach ein paar Minuten Lauschens, erkannte ich schließlich meine Melodie, die ich auf jenem Randstein vor dem Knallerbsbusch gesummt hatte, gedehnt und zerrissen, eben so, wie ich sie gesummt hatte, mit dem Innehalten beim Ausbalancieren, den beinahe Ausrutschern und dem Abfangen eines Ungleichgewichts, dem ungenauen wieder Einsetzen, meinte sogar die Brotkugel zu hören, die die Töne dämpfte. Ich erschrak vor diesem Portrait und beeilte mich, ihm zu entkommen, zog den Stöpsel, wartete nicht bis das Wasser den Abfluss hinunter gegurgelt war.

Dennoch tauschte ich sobald wie möglich mit meinem Bruder den Abwaschdienst. Bernd stellte die Mundwinkel schief, „meinetwegen“, und ich bezog nervös Position am Spülbecken. Es dauerte nicht lange bis ich das Klavier hörte, ohne vorher nur eine einzige Bewegung am Vorhang wahrgenommen zu haben. Diesmal fanden die Töne flink zusammen, sprangen aufeinander zu, zerrieselten dann wie Wasser in unzähligen Kreisen, gingen jäh aufeinander los, verhakten sich und waren noch immer als meine Melodie erkennbar. Ich vergaß das Geschirr, verschwand in den Klängen bis sie unvermittelt verstummten, als sei die Spielerin durch jemanden unterbrochen worden.

Stumm blieb  das  Klavier  auch  am nächsten Abend, an dem ich wartete, bis ich die Stimme des Nachrichtensprechers hinter der Wohnzimmertür hörte, mich aus dem Bett schlich und am Küchenfenster lauerte. Draußen war es noch sommerhell. Stumm auch am übernächsten und am überübernächsten und an vielen folgenden Abenden. Erst als ich das Lauern bereits aufgegeben hatte, spielten sie wieder. Mein Lied. Es klang mit einem Echo herüber, das den vorangestellten Part nur in den Anfangstönen wiederholte. Dann wuchs etwas völlig Neues, drohende Abwärtsläufe, die einander verschlangen, zerplatzende Aufwärtsläufe, ineinander verschwimmend oder silbrig zerklimpert und am Ende schüttete die Spielerin gedehnte Klagen über alles, eine Musik wie ich sie nie zuvor und niemals mehr danach gehört habe, dessen bin ich mir auch heute noch sicher. Aufgelöst stand ich vor dem Fenster, zuckte nicht einmal zurück, als sich der Vorhang leicht bewegte.

Jemand hatte die Jalousie hochgezogen. Nach der Schule sprang ich wie gewohnt auf die Mauer, mit dem Blick auf das Fenster, Parterre Nummer 31. Die Jalousie war hinaufgezogen. Ich stürzte um die Ecke, rannte in der Wohnung sogleich in die Küche, wo ich mit Mutter zusammen stieß und ein Topfdeckel scheppernd zu Boden ging. Ich ignorierte Mutters wütendes Knurren, lehnte mich über das Spülbecken. Das Fenster drüben stand weit geöffnet, rumpelnde Geräusche drangen heraus. Ich wandte mich zu Mutter. „Sie haben sie endlich abgeholt“ sagte sie und hob den Topfdeckel auf.
 
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